Westerheim :: Landkreis Unterallgäu :: Weitere Erinnerungen an turbulente Tage

 

 

 

 

WEITERE ERINNERUNGEN AN TURBULENTE TAGE AUS DEM JAHRE 1945

(Quelle: mündl. Überlieferung von Alois Hebel sen.)

Im Gegensatz zu unserer Nachbargemeinde Sontheim, lief in Westerheim der Einmarsch der Amis – am 26.04.1945 - sehr friedlich ab. Es fiel kein Schuss und auch von Plünderungen und anderen Ausschreitungen blieben die Westerheimer verschont. In Sontheim jedoch wollte eine SS-Einheit, die aus Richtung Erkheim anrückende Übermacht der Amerikaner, mit 3 Geschützen stoppen – daraufhin erwiderten die Amis das Feuer. Die Folgen dieses Wahnsinns war, dass die Kirche schwer beschädigt wurde und auch 13 Häuser/Höfe ein Raub der Flammen wurde und bis auf die Grundmauern nieder brannten. Zudem bezahlten zwei Sontheimer mit ihrem Leben. Der Erste verblutete, weil er von einem Granatsplitter getroffen wurde. Beim Zweiten handelte es sich um den Mesner. Denn, als dieser auf dem Glockenturm die weiße Fahne der Übergabe hissen wollte, wurde er bei diesem Vorhaben gehindert - der Mesner wurde später erschossen im Glockenturm gefunden. Da niemand beweisen konnte, wer diese grausame Tat begangen hatte, vermutete man, dass ein SS-Mann den Mesner gnadenlos niedergeschossen hat, um das Hissen der weißen Fahne zu verhindern.

Natürlich hatten mittlerweile die Westerheimer mitbekommen, dass der Einmarsch der Amis in Sontheim nicht friedlich abgegangen ist und als am Abend des 26.04.1945 Altbürgermeister J. Braun, zusammen mit einigen Nachbarn, von seinem Hof aus die brennenden Gebäude Sontheims mit einem Fernglas beobachtete, kam ein amerikanischer Soldat zu der Gruppe, nahm Braun wortlos das Fernglas ab, hängte es sich selbst um und marschierte weiter. Braun schaute dem Ami verdutzt nach, dann meinte er lakonisch: „So, so geht das, wenn man den Krieg verspielt hat.“ (Braun wurde bereits 1933 als Bürgermeister abgesetzt, weil er sich geweigert hatte der NSDAP beizutreten. Sein Nach-Nachfolger Heiss Franz (Bruckschuster) wurde 1945 abgesetzt, weil er Parteigenosse war).

Als am Morgen des 27.04.1945 die Amis bei uns im Hof ihr opulentes Frühstück verzehrt hatten, stapelten sie – wohl um sich das Spülen zu ersparen – die leeren Teller vor dem Haus und versorgten sich aus unserem Küchenschrank mit frischer Ware. Unter den Amis war auch ein sehr modebewusster „Kämpfer“. Denn dieser ging mehrmals ins Haus und jedes Mal, wenn er aus dem Haus trat, hatte er einen anderen Schal der Mutter umgebunden und stolzierte im Hof hin und her. Seine Kameraden beurteilten dann, welcher Schal ihm am Besten stand – dieser wurde beschlagnahmt und mitgenommen. Solche Enteignungen ließen sich jedoch leicht verschmerzen – wichtig war nur, dass der Krieg nun schnell zu Ende ging und das sinnlose Blutvergießen aufhörte.

Vorbildlich verhielten sich ca. 10 französische Kriegsgefangene, die nun - nach diesem radikalen Machtwechsel - überwiegend in der Landwirtschaft arbeiteten. Einige von diesen Männern wurden auch als Ordnungshüter eingesetzt. Ihre Aufgabe bestand darin, die Verdunkelungspflicht - welche von Anfang, bis zum endgültigen Kriegsende eingehalten werden musste - zu kontrollieren. Es durfte Nachts keinerlei Helligkeit aus den Häusern nach außen dringen und auch die Straßenbeleuchtung musste Nachts ausgeschaltet werden, um feindlichen Fliegern die Orientierung zu erschweren.

Einige Tage nach dem Waffenstillstand (08.05.1945) wurde eine kleine Besatzungs-Einheit im Oberdorf einquartiert. Dieser Einheit wurde es jedoch schnell langweilig und somit schnappten sich die Männer beim Hannessabaur (Bainger) eine Mähmaschine, hängten sie mit einer Kette an einen Jeep und begannen die erste Wiese südlich des Dorfes (Richtung Hawangen) zu mähen, um dort einen Sportplatz anzulegen. Ein Nachbar fuhr schnell zum Wiesen-Besitzer Baur Anton (Schlegel) und berichtete ihm von diesem „Attentat“. Daraufhin eilte Schlegel wutentbrannt zum „Tatort“ und pflanzte sich vor dem Jeep auf, um das weiterfahren zu verhindern. Zwei Insassen des Jeeps sprangen aus dem Wagen und zerrten den schimpfenden Mann zur Seite, damit die anderen in Ruhe weitere Runden mit dem originellen ersten Motormäher drehen konnten. Nach einer längeren lautstarken Debatte (die auch mit etwas Handgemenge verbunden war) wurde es Schlegel gestattet, dass er das gemähte Gras zur Grünfütterung für sein Vieh nach Hause holen darf. Zwei Tage nach der Inbetriebnahme der „Arena“, wurde die Besatzungs-Einheit wieder ins Hauptquartier nach Memmingen abgezogen und man bekam sie nur noch zu sehen, wenn sie bei ihren täglichen Kontrollfahrten durchs Dorf brausten. Schlegel war selig, dass er seinen Haied (Wiese) wieder normal nutzen konnte.

Ab Juni 1945 tröpfelten nach und nach, die in amerikanische Gefangenschaft geratenen Soldaten, wieder in der Heimat ein. Die Soldaten, welche den Franzosen, den Engländern und den Russen in die Hände gefallen waren, hatten jedoch nicht so viel Glück. Denn diese Soldaten mussten zum Teil noch mehrere Jahre unter unmenschlichen Bedingungen in den Gefangenenlagern leben. So hatten z.B. die Engländer ihre Lager in der ägyptischen Wüste aufgebaut und mehrere Westerheimer waren dort lange eingepfercht. Das Arbeitspensum war zwar erträglich, aber das Klima machte ihnen schwer zu schaffen. Erst 1947 trafen dann von den Gefangenen aus den verschiedenen Ländern die ersten Lebenszeichen ein. Auch wenn es sich hierbei nur um Postkarten im Telegrammstil handelte (Briefe schreiben war verboten), so freute sich die ganze Gemeinde über diese kurzen Mitteilungen. Alle, die ein Lebenszeichen geschickt hatten, konnten im Verlauf des Jahres 1948 ihre Heimkehr in die Heimat antreten. Allerdings litten sie noch lange an den Nachwehen des Gefangenenlagerlebens. Leider war aber auch vielen Soldaten die Heimkehr in die Heimat nicht mehr vergönnt – sie ruhen in fremder Erde.

 

 

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