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NOT MACHTE ERFINDERISCH

(Quelle: mündl. Überlieferung von Alois Hebel sen.)

In der Nachkriegszeit musste man sich einiges einfallen lassen, damit man an Waren bzw. Gegenstände kam, die man nicht einfach irgendwo kaufen konnte. Somit hatte damals der Schwarzmarkt und der Tauschhandel eine Blütezeit. Wie erfinderisch die Leute damals waren, zeigen nachfolgende Beispiele:

In der Zeit, als die Reichs-Mark abgeschafft und die DM eingeführt war (1948), wurden die Tabakwaren immer stärker rationiert. Deshalb gingen viele Raucher dazu über, den Tabak an einem sonnigen Plätzchen anzubauen. Zur Nachbehandlung der langen Tabakblätter, hatte jeder sein Geheimrezept. Als jedoch das Rauchkraut fertig und auch klein geschnitten war, stellte man fest, dass man keine Blättchen zum Zigarettendrehen hatte. Da kam einer auf die glorreiche Idee, dass sich ein 10 Reichs-Mark-Schein zum Drehen eignen könnte. Er probierte es aus und es klappte hervorragend (1 Schein gab 2 Blättchen). Diese Methode sprach sich schnell herum und wurde dann laufen angewandt. Wer jedoch im Besitz von Ami-Zigaretten war (z.B. "Lucky Strike" oder "Pall Mall"), der konnte sich glücklich schätzen. Diese Zigaretten waren damals sozusagen die "Leitwährung" und auf dem Schwarzmarkt bzw. Tauschhandel sehr beliebt.

Ein anderes Beispiel, dass die Not erfinderisch machte, zeigt folgendes Beispiel: In der 3x wöchentlich erscheinenden 8-seitigen Zeitung, war eine Seite für Tauschangebote reserviert. So konnte man damals dann z.B. folgende Anzeige lesen: "Tausche gut erhaltene Schwiegermutter gegen 2 Kilo Tafelbutter."

Aber natürlich waren auch Lebensmittel aller Art begehrte Tauschobjekte. So wollte z.B. der Westerheimer Metzgermeister Jos. Eberhard, unbedingt eine Zugmaschine besitzen. Er beauftragte die Landmaschinen-Werkstatt Joh. Degenhart (Schwaighausen), aus Ersatzteilen einen Schlepper zu konstruieren – natürlich im Tausch gegen Lebensmittel (als Metzger saß er ja an der Quelle). Als das Vehikel dann eintraf, wurde der stolze neue Besitzer gefragt, welchen Markennamen diese Höllenmaschine habe. Da antwortete dieser schlagfertig: "Hei, ich denke wir nennen sie Schmalz-Zugmaschine."

Auch die Tatsache, dass unser Dorf wieder relativ schnell, zu mehreren Kirchenglocken kam, war einem Tauschhandel zu verdanken. Im Jahre 1942 mussten 3 Kirchenglocken für militärische Zwecke abgenommen werden. 1 Kirchenglocke durfte auf dem Kirchturm bleiben. Damit die Westerheimer Kirche wieder über 4 Kirchenglocken verfügte, fädelte der Bruder von Andreas Maier (Vogt), einen Coup ein. Der in München lebende Bruder Gottlieb Maier (auch Goldonkel genannt), war von Beruf Kirchenparamente-Händler. Das heißt, er verkaufte Messgewänder, Chorröcke, usw. – also, rundum jegliche Textilien für den Kirchenbedarf. Gottlieb Maier erkundigte sich bei einem Münchner Altmetallhändler, zu welchen Bedingungen man bei ihm das nötige Material für 3 Kirchenglocken bekommen könne. Der Altmetallhändler antwortete: "Nur gegen Bauholz." (Im zerbombten München war das damals Mangelware). Gottlieb übermittelte diese Forderung dem Gemeinderat und der Kirchenverwaltung. Zur Lösung dieses Problems, wurde ein Ausschuss gebildet. Bei der Sitzung wurden dann vorgeschlagen, dass jeder Waldbesitzer pro Tagewerk Wald 1 m³ Rundholz abtreten soll. Falls noch etwas Holz fehlen sollte, würde der Rest aus dem Gemeinde-Wald entnommen werden. Mit dieser Lösung waren die meisten einverstanden.

Ein Grund für dieses Entgegenkommen war: Die Jahre 1947, 1948 und 1949 waren Dürrejahre. Aufgrund dessen, wütete in den Wäldern der Borkenkäfer. Deshalb hatten die Waldbesitzer kein Interesse, ihr Holz für die wertlose Reichs-Mark an die Sägewerke zu verkaufen. Man stiftete es daher lieber für diesen guten Zweck.

Das Holz wurde somit zügig beim Sägewerk Xaver Hebel angeliefert, zu Bauholz geschnitten, auf Waggons verladen und auf dem Bahnweg nach München verfrachtet.

Auch der Altmetallhändler aus München hielt sein Wort und schickte umgehend die nötige Menge verschiedener Altmetalle an die Glocken-Gießerfirma Gebhardt nach Kempten.

Natürlich erhielt Gottlieb Maier für seine Bemühungen und für seinen Einsatz eine Belohnung. Er wünschte sich schon seit längerer Zeit einen Kühlschrank. Also mussten einmal mehr Lebensmittel zum Tauschen gesammelt werden. Nachdem genügend Lebensmittel zusammen waren, bekam der gute Mann seinen Kühlschrank.

Der Glockenguss fand dann schon in der DM Zeit statt. Zu diesem Ereignis fuhr extra ein Bus nach Kempten, damit möglichst viele an diesem Schauspiel teilnehmen konnten. Die Glockenweihe, im Jahre 1950, wurde ein grandioses Fest für die Gemeinde Westerheim. Bei der anschließenden weltlichen Feier, musste jeder Schüler der 3. und 4. Klasse je eine Strophe von "Schillers Glocke" vortragen (34 Strophen). Als alle 4 Glocken auf dem Glockenstuhl verankert waren, folgte ein viertelstündiges Läuten mit allen Glocken (damals noch mit langen Seilen von Hand geläutet – aber es war die Mühe selbstverständlich wert !).

Zusatz: In einem anderen Dorf war auch Glockenweihe. Am Tag danach sollten die Schüler darüber einen Aufsatz schreiben. Einer schrieb kurz und bündig: "Gestern war bei uns Glockenweihe. Der Landrat, der Pfarrer und der Bürgermeister hielten eine Rede – dann wurden sie aufgehenkt. Jetzt ist es in unserem Dorf wieder viel schöner."

 

 

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