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DIE LEBENSMITTELKARTEN

(Quelle: mündl. Überlieferung von Alois Hebel sen.)

Am 28. August 1939 – also, zwei Tage vor Beginn des zweiten Weltkrieges – wurden die so genannten Lebensmittelkarten eingeführt (s. Bild).

Es gab viele unterschiedliche Lebensmittelkarten - wobei jede dieser Karten eine andere Farbe hatte (je nachdem, um welche Lebensmittelart es sich handelte). 1x im Monat wurden den Bürgern, die verschiedenfarbigen Lebensmittelkarten, in der Bürgermeister-Stube ausgehändigt. Hierbei erhielt jedes Familien-Mitglied von jeder Farbe eine dieser Lebensmittelkarten, die in mehreren Marken eingeteilt war.

Nur mit Hilfe dieser Lebensmittelkarten, konnte man Nahrungsmittel "kaufen". Die Karten waren jedoch keine Garantie, dass man die Lebensmittel auch wirklich bekam. Denn Aufgrund der Güterknappheit und der damit verbundenen Lebensmittel-Rationalisierung kam es vor, dass der ein oder andere Bürger, ohne das dringend benötigte Lebensmittel vom "Einkauf" zurückkam. Erst im Jahre 1948/49 standen wieder etwas größere Mengen an Lebensmittel zur Verfügung. Jedoch wurde auch weiterhin mit den Lebensmittelkarten "bezahlt".

Wollte man z.B. Brot "kaufen", so musste man dem Verkäufer die dementsprechende Lebensmittelkarte aushändigen. Dieser schnippelte die etwa Briefmarkengroßen Abschnitte von der Karte ab. Die Anzahl der abgeschnittenen Brot-Marken, richtete sich nach dem Gewicht des "gekauften" Brotes und nach der Gramm-Angabe auf der entsprechenden Marke.

Auch in Gaststätten wurden die angebotenen Speisen mit Lebensmittelkarten "bezahlt". Deshalb waren die Bedienungen immer mit einer Schere "bewaffnet". In der Speisekarte stand damals hinter jedem angebotenen Gericht, wie viele Marken welcher Art abzugeben waren.

Die abgeschnittenen Marken, wurden auf Papierbögen aufgeklebt und zum Monatsende ans Ernährungsamt nach Memmingen geschickt. Dort wurde dann der monatliche Verbrauch neu berechnet und die nächste Zuteilung von Lebensmitteln festgesetzt.

Zur Weihnachtszeit erhielten die Bürger so genannte Sonderzulage-Karten. Somit gab es für Männer eine Zigaretten-Karte, für Frauen eine Pfefferminzlikör-Karte und für Kinder eine Schokoladenriegel-Karte. An Ostern gab es spezielle Sonderzulage-Karten für Kinder - sie erhielten eine Zuckergusshasen-Karte. (Bestimmt kennt der ein oder andere die roten Zuckergusshasen, die es auch heute noch zu kaufen gibt. Um solche Hasen handelte es sich auch zur damaligen Zeit).

Das System – Lebensmittel mit Karten zu "bezahlen" – funktionierte recht gut und deshalb wurde es auch bei Schuhen und Textilien eingeführt. Ab diesem Zeitpunkt wuchs und gedieh "Sankt Bürokratus" (und blähte sich bis heute immer weiter auf – z.B. EU). Wurden damals also Schuhe oder Textilien benötigt, so musste man beim Ernährungsamt zuerst einen Bezugsschein anfordern (bei größeren Familien, war dies eine unendliche Geschichte). Traf dann endlich der lang ersehnte Bezugsschein ein, so konnte man mit diesem die neuen Schuhe bzw. Textilien "kaufen".

Kurze Zeit gab es auch so genannte Kleider-Karten. Hierbei handelte es sich um ein Punkte-System (für eine Kittelschürze benötigte man z.B. 20 Punkte). Da man sich jedoch nicht einigen konnte, ob beim Überziehen des Kontos ein Stück vom Kleidungsstück abgeschnitten werden sollte, oder die nächste Kleider-Punkte-Karte mit Strafpunkten belastet werden sollte, schaffte man diesen Blödsinn wieder ab.

Auch die Landwirtschaft blieb von der Bürokratie nicht verschont. Wollte z.B. ein Landwirt ein Stück Vieh schlachten, so musste der Landwirt beim Ernährungsamt einen Schlacht-Schein beantragen. Ohne dieses Dokument durfte kein Blut vergossen werden. Der damalige Gemeindediener Böta Ludwig (Laupheimer Ludwig), war damals täglich mit dem Zustellen der Bescheinigungen beschäftigt.

Im Jahre 1950 wurden die Lebensmittelkarten in der Bundesrepublik Deutschland abgeschafft. Im Osten (ehemalige DDR), wurden die Lebensmittelkarten im Jahre 1958 abgeschafft.

Der zweite Weltkrieg liegt nun Gott sei Dank schon längere Zeit zurück – aber durch die Einführung von "Sankt Bürokratus", folgte dem Weltkrieg der Papierkrieg.

Deshalb gilt damals wie heute der Spruch: "Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare".

 

P.S.: Die größte Katastrophe in einer Behörde wäre, wenn dem Amt die Bestell-Formulare für die Antrags-Formulare ausgehen würden !

 

 

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